Heilung

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40 Jahre Spaltung erfordern 40 Jahre Heilung. Ich war 13 Jahre jung und wohnte mit meiner Gastfamilie in Ost-Berlin, als die Stadtmauer erbaut wurde. Noch bis dahin war die Grenzen offen, es waren fünf Gehminuten, und wir waren oft im Abendland, besuchen Angehörige und Freundinnen, kaufen ein, was wir nicht hatten, gehen ins Theater und besuchen das neue Häuserblock.

Mit der SED wurde die Hauptstadt abgeschottet, über die in den vergangenen Jahren immer mehr Menschen aus der gesamten DDR in den westlichen Raum geflüchtet waren. Die Menschen haben von Beginn an versucht, den westlichen Teil durch die verbleibenden Lücken zu erreichen. Der 24jährige Günter Litfin wollte am Mittwoch, den 23. Mai, durch den Westhafen in den Westteil des Humboldthafens baden und wurde von DDR-Grenzschutzbeamten durchbohrt.

Als erster von mehr als hundert Menschen starb er an der Berlinschen Mauern, um in den Folgejahren die Unabhängigkeit zu erlangen. Aber nicht nur für diejenigen, die ihr eigenes Opfer verloren oder von der Politik gefoltert wurden, war die Wall nicht nur eine Katastrophe. Es hat das Schicksal aller Bürger der DDR schwer getroffen.

Nicht nur hinter einer Wand, sondern auch unter einer Diktatur: Als Subjekte der SED, der regierenden Volkspartei, wurden sie herabgewürdigt, beobachtet und, wenn sie nicht gehorchen, gefoltert. In Ostdeutschland wohnen heute noch Milliarden von Menschen, die den größten Teil ihres bisherigen Daseins hinter echten und weltanschaulichen Wänden zugebracht haben.

Viele von ihnen würden ihr bisheriges Lebens in der DDR ganz anders darstellen als ich hier. Noch immer legen sie weniger Wert auf Frieden als auf die angebliche Gewissheit der Gewaltherrschaft, die Vorhersehbarkeit des täglichen Lebens und einen schlechten, aber bezahlbaren Lebensstil. Sie hat, wie nahezu jedes andere Autoritätssystem, ihre Subjekte von der Verantwortlichkeit und den Gefahren und Bemühungen befreit, die das Zusammenleben in einem freiheitlichen Staat mit sich bringt. Einerseits hat sie die Möglichkeit, ihre eigene Identität zu bewahren.

In Ostdeutschland will heute kaum noch jemand wirklich wieder in der DDR wohnen, aber die Sicherheitssehnsucht und die Furcht vor Frieden und Verantwortlichkeit sind immer noch spürt. Selbstverständlich gibt es auch im westlichen Teil solche Wünsche und Furcht. Der Holocaust, kriegsbedingte Verbrechen sowie die Verdrängung und Mordes an zahlreichen Widerstandskämpfern haben im Abendland mehr als eine ganze Familie gebraucht, um zu einem allgemein akzeptierten Problem zu werden.

Sogar die millionenfachen Ermordungen von jüdischen Menschen waren kein Problem, jedenfalls nicht in den 50er und 60er Jahren, als ich zur Schulzeit ging. Jeder, der in der Sowjetbesatzungszone und später in der DDR gegen die neue etablierte Gewaltherrschaft auftrat, verließ das Feld. Wie ich in der Schulzeit erfuhr, waren die Nazis alle aus der DDR ausgebrochen und hatten im westlichen Teil unversehrt gelebt.

Der Ostdeutsche war der Gute, Hitler der Westdeutsche. Die DDR hat Israel nie eine einzige Markierung gezahlt, und die Wand wurde -logischerweise! Diejenigen, die von den noch bestehenden geistigen Wänden zwischen Osten und West sprechen, dürfen diese geschichtlich bedeutsamen Differenzen nicht außer Acht lassen. In der BRD entstand nach dem Modell der Sowjetunion eine demokratische und im Laufe der Dekaden auch eine geöffnete Gemeinschaft, in der DDR eine demokratische und in der BRD eine demokratische Knappheit, aus der Hunderte von Menschen in den westeuropäischen Raum geflohen sind, ein Misstrauensstaat, in dem die Regierungspartei zunehmend das Volksmund überwacht und kontrolliert hat.

Die Hauptstadt kam aus dem West und das Programm aus dem Ost. Der Vergleich mit dem Rest der Welt war schon immer eine der beliebtesten Freizeitbeschäftigungen der DDR. Die wohlhabenden Westler und die schäbigen Ostländer mit ihren Graustädten - das waren nur zwei unterschiedliche Staaten mit einer Grenzlinie zwischen ihnen, und diejenigen, die es nicht aushalten konnten, versuchten sozusagen, in den Wilden Osten zu kommen.

Die Differenzen zwischen Orient und Okzident wurden erst mit dem Mauerfall zu einem grellen, gnadenlosen Licht: Der Gegensatz war offensichtlich - mit Rücksicht auf den Stadt- und Wirtschaftszustand, die Einkommenssituation und den Wohlstand. Nun, im wiedervereinigten Deutschland, wurden auch die nicht so offenkundigen, aber sehr erkennbaren Differenzen deutlich: Der Orient hatte eine andere Lebensweise, verschiedene Formen der Kommunikation, und vielen fehlte die Durchsetzungsfähigkeit neben den eigenverantwortlichen und erfahrenen "Wessis".

Es gab wenig Bereitwilligkeit, sich mit den Biographien der DDR auseinanderzusetzen, und so mancher Publizist oder gar Betreuer spürte in jedem Lehrer oder Fachbereichsleiter einen ehemaligen Stasi-Informanten. Der Ostdeutsche reagierte beleidigt, oft zornig. Diese führten zu gravierenden Brüchen in der Berufsbiographie vieler DDR-Bewerber - entweder, weil ihre Bildung und ihr Abschluss nicht für den deutschen Markt geeignet waren, oder weil ihre Arbeitsstelle nicht mehr existierte, oder weil sie nicht mit Bewerbern des Westens konkurrieren konnten.

Von diesen Frakturen und Abrissen war die überwiegende Mehrzahl der Osterdeutschen von diesen Frakturen und Abrissen bedroht. Die Statistik zeigt auch klare Unterschiede: Ostdeutsche erzielen im Durchschnitt 20 Prozentpunkte weniger als westliche Länder und haben weniger als die Hälfe ihres Geld- und Immobilienvermögens. Nach wie vor herrscht der Wilde Osten in den obersten Etagen von Hochschulen, DAX-Unternehmen, Fachverlagen, Vereinen, der Wehrmacht und den Medien: Nach wissenschaftlichen Schätzungen werden zwischen 5.000 und 10.000 Spitzenplätze als die führende Elite der BRD angesehen.

Obwohl zwei der 16 Mitglieder der Föderalregierung aus dem Ostteil kommen, ist die Situation auf der darunter liegenden Stufe anders: Auffallend ist auch die Verteilung der Macht im Ostteil selbst, d.h. in den fünf neuen Bundesländern: Hier sind weniger als 25 Prozentpunkte der Spitzenpositionen von Ostdeutschern eingenommen.

So kommen in den dort angesiedelten Firmen nur 25 Prozentpunkte der Manager aus dem Orient. Die Veränderung der Eliten nach dem Ende der Gewaltherrschaft ist keineswegs ausreichend, um sie zu rechtfertigen. Darüber hinaus funktioniert der West auch ohne den Orient, d.h. ohne die Menschen aus dem Ost.

Andererseits war der Ostteil vor und nach dem Fall der Mauer stark vom West abhängig - sowohl von seinem Kapital als auch von seinem-how. Tausende und abertausende Staatsdiener, Rechtsanwälte, Verwalter und Manager haben nach der Wende auf dem Territorium der ehemaligen DDR entschieden am Wiederaufbau gearbeitet, um die planmäßige Wirtschaft in eine marktwirtschaftliche Ordnung zu transformieren, das Staatswesen von einer Gewaltherrschaft in einen demokratisch geprägten Verfassungsstaat zu transformieren und sich an die westlichen Gegebenheiten zu gewöhnen.

Das Schöne und Wichtigste: Die DDR-Bürger, die früher hinter der Wand gefangen waren, bereisen die Erde und müssen sich nicht mehr furchterregend auf der Straße umsehen, bevor sie einen Politikwitz erzähl. Die Diktatur und Spaltung der SED ist für die Generationen meiner Enkelkinder, die um die Jahrhundertwende herum entstanden sind, längst Vergangenheit, und die Entscheidung, wer aus dem Orient und wer aus dem Okzident kommt, bestimmt weder ihren Ausbildungsweg noch ihre Aufstiegsmöglichkeiten.

Sie wundern sich, warum, wo ihre Mütter und Väter den Zerfall einer Gewaltherrschaft erlebt oder vielleicht gar dazu beigetragen haben, das Prestige der Gesellschaft erschreckend untergeht. Es kann sein, dass der Ausdruck "Mauer" für die noch vorhandenen Differenzen zwischen Osten und Westen übertrieben ist, zumal es keine tatsächlichen Höhen und Tiefen mehr gibt.

Viele ehemalige Ost- und Westdeutete wohnen heute in den gleichen Metropolen, sind Nachbarinnen und Nachbarinnen oder Mitarbeiter. Es kann unterschiedliche Auffassungen über die Gründe für die noch vorhandenen unterschiedlichen Lebensbedingungen auf der einen Seite und die mangelnde Repräsentation der DDR auf der Elitenebene auf der anderen Seite haben. Aber während sich drei Viertel der Westbürger in der BRD "politisch zu Hause" fühlen, haben nur etwas weniger als die Hälfe der DDR zugestimmt.

Nicht nur das: Wahlausgänge und Befragungen belegen, dass das Demokratieverhältnis der DDR-Bürger fragil ist. In Ostdeutschland unterscheidet sich die Einigungswerte gegenüber der Bundesregierung und den Demokratien erheblich von denen des Westens: Während im Ostteil wesentlich mehr als die Haelfte der Menschen mit der Demokraten in der BRD weniger oder gar nicht einverstanden ist, ist es im Westteil weniger - ein wenig mehr als ein Dritteln.

In den fröhlichen Tagen nach dem Mauerfall vermutete niemand, dass seine Bewältigung, seine wahre Bewältigung, nicht eine Angelegenheit von Jahren, sondern von ganzen Epochen war. Niemand kann davon ausgehen, dass die Wand schließlich vollständig aus unserem gemeinsamen Gedächtnis gelöscht wird, dass sie rückgängig gemacht werden kann. Auch wenn die DDR froh sind, dass die Wand so lange weg ist, empfinden viele immer noch bisweilen Trennungen, Schmerz, Trauer und Verständnis.

Die eine meiner Enkelinnen ist jetzt 13 Jahre jung - genau wie ich es war, als die Wand erbaut wurde. Natürlich werde ich mit ihr zu dem Ort gehen, an dem die Wand steht - nur 300 m von meinem Zuhause weg.

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